Was für ein Tag, ein Spiel für die Ewigkeit! Mehr geht einfach nicht. Restlos ausverkauftes Haus, Glücksgöttin Fortuna als Gast in unserem ehrwürdigen Holstein-Stadion, die Gästekurve ein rot weißes Fahnenmeer, alle Tribünen pickepackevoll, die Fischbüchse bebt, die Bodenbleche ächzen und selbst das Betondach der Haupttribüne scheint sich leicht zu wiegen als aus 8000 Kehlen „keine andere Stadt, keine andere Liebe, kein anderer Verein...“ geschmettert wird. Gänsehaut pur! Schon beim Auflaufen läuft mir eine sentimentale Träne über die Wange, die ich leis im Schal verschwinden lasse, keine Zeit für sowas.
Das Spiel beginnt, man merkt sofort, heute wird mit offenem Visier gekämpft, Auge um Auge, Ball um Ball. Fortuna spielt anders als die anderen Mannschaften, die hier waren, drei Offensivleute üben mächtig Druck auf unsere Viererkette aus, versuchen vertikal Lücken zu reißen in die dann immer wieder steil hineingespielt wird. Anfangs erkennen wir nicht, daß denen dadurch quasi hinten einer fehlt und lassen uns von ihrer Power beeindrucken. Es war logisch und nur eine Frage der Zeit, daß das 0:1 fällt. Kinsombi kann den Pass in den Strafraum nicht verhindern und Hennings ist dann einfach den kleinen Tick vor Schmidt am Ball, da kannste nix machen. Aber wir stellen uns immer besser drauf ein und Drexler bemerkt als erster, wie anfällig Fortuna hinten ist. Ducksch schließt zweimal zu früh ab und der Schuß von Mühling wird glänzend pariert. Trotz 0:1 zur Pause gibt’s Applaus von Rängen.
Anfang stellt um, bringt zur zweiten Halbzeit Peitzer für Kinsombi und Seydel für den angeschlagenen King. Und was wir dann erleben, kann ich noch immer nicht fassen, Fortuna kommt hinten nicht mehr raus, Welle um Welle läuft aufs Fortunen Tor zu wie eine vom Ostwind aufgepeitschte Ostsee. Seydel auf Drexler, der nimmt Lewerenz mit, Flanke auf Peitzer, der verlängert auf Ducksch, der ihn volley ins Tor schweißt. 57. Minute, Ausgleich. Party auf der West, Party auf der Nord, die Haupt steht. Die Mannschaft begreift, spielt cool weiter. Mit einmal ist die Ballsicherheit da, mit breiter Brust wird jeder Zweikampf angegangen und meist gewonnen. Czichos fängt wie selbstverständlich die Konter ab und dann geht es immer schnell nach vorne, 66. Ducksch knallt den Ball über die West, 68. Mühlings Pfostenkracher, 73. Lewerenz knapp drüber. Aber auch Düsseldorf saugefährlich jetzt mit den schnellen Kontern, Kronholm rettet uns zweimal glänzend das Ergebnis. Dann kommt Herrmann mit nach vorne, daß schon die 89. läuft ist mir gar nicht klar, Doppelpass mit Drexler, Flanke Herrmann auf den zweiten Pfosten, da steht Seydel der auf Peitzer nickt, Drexler und Ducksch laufen durch, aber Peitzer sieht Herrmann frei, 19 Meter, der Ball springt auf, aber er erwischt ihn als Dropkick und jagt ihn in den Dreiangel. Tor. Nein. Tooooooooooooooor! Extase auf den Rängen, so einen Jubel hat der Holler in seiner Geschichte noch nicht erlebt...ich sehe noch die Leute die Zäune hochspringen und drüberfallen...dieses Spielerknäuel, da wo Herrmann ganz unten drunter liegt und mich anstrahlt...ich hör noch „ahoi“ und „wasn mit Jupp los“ und einen schrillen Schrei „Papaa...“ ...dann wird es kurz dunkel aber auch sofort gleißend hell. Ich halte mich an meinem Storch fest und verliere den Boden unter den Füßen, wir heben ab, der Jubel hält nicht auf...was für eine Freude.
Ich wundere mich ein wenig über den kräftigen Flügelschlag des Storches, erst geht es unter dem gleißendem Flutlicht hinweg noch einmal über die West, all die Jungs aus dem Sonderzug und von den vielen Auswärtsfahrten heben die Hände, über der Haupt erkenne ich noch alte Weggefährten, als wir noch in den Siebzigern zweite Liga gefeiert haben, ich mit der Holsteinfahne am langen Bambusstab unter der Wankendorf Werbung, fast da wo nun der Block Jupp wie ein winziger Punkt unter mir verschwindet. Der Weg wird schmaler, drumherum ist alles hell, Menschen stehen am Wegesrand, erst erkenne ich sie gar nicht, die Spieler in ihren Retroshirts, aber dann kommt einer auf mich zu und nimmt mich kurz in den Arm, wie er es damals in Kassel auf dem Platz auch tat, Roland Reime. Alle feiern, Tränen des Glückes fließen, die ganze Holsteinfamilie ist da... „Holst du Brötchen?“ Kein Mensch braucht jetzt Brötchen, denke ich noch... „und lass die Pferde raus!“...ja, mit den Schleswiger Kaltblütern jetzt weiterfahren, in einer blau-weiß-roten Prunkkutsche, mit einem riesengroßen Bierfass drauf male ich mir gerade aus...“...der Bäcker macht gleich zu!“....
Wie jetzt? Wo bin ich? Heute ist Samstag? Es ist 9 Uhr....zu schön, um wahr zu sein...
G O O O O O D . M O O O O R N I N G , H O L S T E I N ! ! ! ! !
Auf geht’s, Holstein, kämpfen und siegen!
Don't stop believin'...